Alte neue Möglichkeiten
Das immer noch offene Versprechen der Webcomics
Von Max Vähling
Anfangs, als Webcomics noch neu waren und «Online-Comics» hießen, schien noch alles möglich. Inspiriert von Scott McClouds Abgesang auf das feste Seitenformat in seinem Buch «Comics neu erfinden» und der Online-Fortsetzung «I Can’t Stop Thinking» sahen unzählige Comicschaffende aufregende neue Möglichkeiten.
Demian5s «When I Am King» spielte mit Seitwärtsscrolling und Framesets, Charley Parkers «Argon Zark» mit aufwendigen, animierten Farbseiten und versteckten Extras um nur zwei der bekannteren Beispiele zu nennen. Die Experimente gingen bis zu einfacheren Trickfilmen (und sind vielleicht mitverantwortlich für die unsäglichen Motion-Comics, mit denen die großen US-Verlage heute abzusahnen versuchen) und dem, was man heute «Browser Games» nennen würde. Eingeschränkt wurde diese Vielfalt nur von den damals noch sehr langsamen Modems, die das Laden eines Comics oft zur Gedulds- und Glücksache machten.
Der Grundgedanke war so selbstverständlich wie revolutionär: Ohne die Begrenzungen eines festen Seitenformats und ohne die Einschränkungen des Druckverfahrens konnten sich Comics völlig frei von allen Vorgaben entwickeln und zu einer entfesselten, ureigenen Formsprache finden. Bilder konnten beweglich sein, weil sie nicht auf unbeweglichem Material gedruckt werden mußten, um ihr Publikum zu erreichen. Sie konnten farbig sein, ohne das Vierfache des Schwarzweißverfahrens zu kosten. Wo im Druck ein festes Seitenformat den Erzählrhythmus bestimmte, konnte sich der neue Rahmen, die HTML-Seite, potentiell unendlich in jede beliebige Richtung entfalten. Ton, Filme und interaktive Elemente ließen sich zumindest im Prinzip ebenso leicht einbinden wie Bilder, und statt auf die Antwort von Verlagen und Vetrieben zu warten, konnte man die Comics direkt ans Publikum bringen, vorausgesetzt, man wußte im unübersichtlichen Netz auf sich aufmerksam zu machen.
Allerdings hat sich die formale Vielfalt im Gegensatz übrigens zur thematischen oder stilistischen dann doch nicht ganz so entwickelt wie erwartet. Einzelne Experimente mit Flash und unendlichen Leinwänden gibt es immer noch, doch der Großteil der heutigen Webcomics (besonders der bekannten) besteht aus unbeweglichen Comicseiten von oft gleichbleibendem Format, präsentiert als Blog. Kaum mal, daß ein Comic das «Alt»-Tag des Bildes für zusätzliche Inhalte nutzt, wie Randall Munroes «XKCD», oder daß hin und wieder ein Bild animiert wird, wie die Splash Panels beim deutschen Foto-Superheldencomic «Union der Helden». Und seit sich als Quasi-Standard für die technische Darstellung das Wordpress-Plugin Comicpress etabliert hat, unterscheiden sich nicht mal die Webseiten noch wesentlich.
Was ist nicht passiert?
Neben dem verständlichen Wunsch, den eigenen Comic irgendwann auch gedruckt zu sehen, bremsen mehrere Faktoren die erhoffte Weiterentwicklung der Webcomics aus.
Zum einen sind experimentellere Multimedia-Comics zwar interessant anzusehen, werden aber von den Lesern nicht unbedingt als Lesestoff angenommen, eher als künstlerische Experimente. Das Wichtigste bei einem Comic bleibt aber halt das Miterleben der Story, und allzu «flashige» Effekte stehen diesem Erleben oft im Weg. Zumal ein gut produzierter Comic noch kein gut geschriebener sein muß.
Wichtiger ist aber der zeitliche Aspekt: Um eine Webseite beim Publikum präsent zu halten, muß da regelmäßig etwas passieren. Deshalb empfiehlt es sich, lieber öfter kleinere Einheiten herauszubringen als seltener größere. Das muß nicht täglich sein, auch wenn das oft empfohlen wird, aber mindestens wöchentlich, besser zwei- bis dreimal die Woche, gilt inzwischen als Standard. Das geht leicht auf Kosten des technischen Aufwands. Die Präsentation auf Plattformen mit festen Vorgaben und in vorformatierten Blogsystemen beschränkt die gestalterischen Freiheiten zusätzlich.
Drittens spielen noch die Ladezeiten größerer Comicdateien eine Rolle. Das Problem erledigt sich zunehmend, gehört aber zu den Startbedingungen, die die Entwicklung der Webcomics geprägt haben. Und letztlich sind Comiczeichner nun mal zuallererst Comiczeichner und nicht Webdesigner, die sie auch noch sein müßten, um beide Medien voll zu nutzen.
Das Webcomic-Standardmodell, soweit man von einem reden kann, besteht deshalb aus mehrmals wöchentlich aktualisierten Folgen von einzelnen Strips, Cartoons oder Seiten vor allem Strips, weil die sich so gut ins Browserfenster fügen. Die Erscheinungsweise ist unabhängig davon, ob es sich um einzelne Gags handelt oder um fortlaufende Geschichten, bei denen größere Einheiten eigentlich nahelägen. Innerhalb dieser kurzen Folgen gibt es durchaus Varianten wie verschiedene Seitenlängen, gelegentliche Gif-Animationen und das Spiel mit verschiedenen Zeichenstilen, aber das Gros der Webcomics kommt dann doch meist eher konventionell daher.