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ICOM Independent Comic Preis
Die Gewinner des ICOM Independent Comic Preises 2026
Bester Independent Comic (Selbstveröffentlichung)

"Herrmann"
von Ray Henderson

Viele Jahre arbeitete Ray Henderson in unterschiedlichen Kreativteams oder an Kundenaufträgen. Heute konzentriert er sich vorrangig auf seine eigenen Projekte, die er sowohl im Selfpublishing als auch in Zusammenarbeit mit dem ungarischen Verlag 5 Panels realisiert.

Eines dieser Projekte ist "Hermann": eine historisch inspirierte Fantasy-Comicreihe, die 2024 ihren Anfang nahm.

Die Geschichte von "Hermann" sucht nicht nach einer großen formalen Innovation oder einem überraschenden Bruch – und genau darin liegt ihre Stärke. Die Erzählweise ist liebevoll, aber direkt. Bereits nach wenigen Seiten werden die zentralen Beziehungen greifbar: ein junger Ritter, der eng in die königliche Familie eingebunden ist, und ein Umfeld, das zwischen Fürsorge, Zweifel und Machtanspruch schwankt. Diese emotionale Ausgangslage trägt Ray Hendersons Werk.

Der Zeichner mit ungarischen Wurzeln vertraut auf die Wirkung seiner Figuren. Seine Gestaltung ist bewusst zugänglich gehalten: runde Formen, überzeichnete Gesichtsausdrücke und Gesten, eine freundliche Anmutung. Dabei fällt auf, wie deutlich sich die Figuren visuell voneinander unterscheiden. Helle, offene Formen stehen dunkleren, kontrastreichen gegenüber. Jede Figur bleibt klar erkennbar – nicht nur über Silhouetten, sondern auch über Mimik, Körperhaltung und ihr Auftreten.

Spannend ist, dass dieser scheinbar vereinfachte Zeichenstil die dramatischen Momente der Erzählung verstärkt, statt sie abzuschwächen. Wenn Trauer, Angst oder Wut sichtbar werden, wirken sie nicht inszeniert – sie wirken aufrichtig.

Das Werk selbst hat eine sehr eigenwillige Leichtigkeit und kippt selbst in den ernsten Momenten nie vollends in die Schwere. Diese Leichtigkeit und Klarheit spiegeln sich auch in Szenen, die sich Zeit nehmen, statt auf schnelle Zuspitzung zu setzen. Durchdacht platzierte Panels eröffnen Räume, in denen unscheinbare Momente wirken – ganz im Sinne eines bewussten Zwischenraums, in dem sich Emotionen entfalten dürfen. Gerade die stilleren Passagen gewinnen dadurch an Gewicht und erzeugen Nähe.

Demgegenüber stehen actiongeladene Szenen. Aber auch hier bleiben die Linien kontrolliert und Bewegungen sauber und klar geführt. Jeder Strich scheint bewusst gesetzt und trägt zur Dynamik bei.

Was "Hermann" letztlich auszeichnet, ist sein Charme: eine Geschichte, die nicht über heldenhafte Gesten oder unerwartete Wendungen wirkt, sondern über die Menschlichkeit ihrer Figuren.

Sie zeigt, wie viel Kraft in einer schlichten, ehrlichen Erzählweise liegen kann.

Adroth Rian

Beschreibung und weitere Abbildungen in unserem Blog

Bester Independent Comic (Verlagsveröffentlichung)

"Der Zahn"
von Ayşe Klinge
(Kibitz Verlag)

Wofür steht dieser Zahn? Für Pubertät, sicher. Für Verwandlung auch. Vor allem aber für den Augenblick, in dem etwas sichtbar wird, das sich nicht mehr verstecken lässt. Ein Zahn fällt aus, ein Fangzahn wächst nach, und mit ihm geraten Freundschaft, Familie, Herkunft und Selbstbild in Bewegung. Ayşe Kling nimmt dieses kleine, störrische Detail und baut daraus einen Comic von erstaunlicher Reichweite.

Ayşe Kling eröffnet "Der Zahn" mit einer der ältesten Erfahrungen des Aufwachsens: Anderssein macht Angst. Schulalltag als Bühne für Mutproben, Blicke, Gerüchte, kleine Grausamkeiten und jene peinlichen Sekunden, die sich tiefer eingraben als manches große Drama. Mila fürchtet sich vor Vampiren. Die Klasse bemerkt das sofort. Ein Ausflug ins Gruselkabinett liefert den passenden Anlass, und schon kippt die Lage. Plötzlich gehört die Angst nicht mehr Mila allein. Sie wird sichtbar, kommentiert, und ausgerechnet Karla, deren Onkel dort Gäste erschreckt, nimmt Mila in Schutz. Ayşe Kling erfasst diese Dynamik mit scharfem Blick und einem Gespür für jene sozialen Feinheiten, die Kinderliteratur oft glättet und die hier mit voller Wucht anbeißen.

Ab hier wird aus Milas Konflikt auch Karlas Geschichte. Ihr wächst ein Fangzahn. Damit beginnt weit mehr als eine kuriose körperliche Veränderung. Milchzahn raus, Fangzahn rein, und mit einem Mal ist der eigene Körper ein Problem, eine Ansage, eine ehrliche Zumutung mit Witz.

Der Zahn wirkt als Signal, als Eingriff, als Verschiebung des ganzen Lebens. Familie meldet Ansprüche an. Vampir-Akademie statt Schulalltag. Die vertraute Welt verliert ihre Selbstverständlichkeit, und Karla hängt zwischen zwei Welten, woran sie fast zerbricht. Aus Grusel wird Übergang, Fantastik fokussiert auf Pubertät, Herkunft und den Druck, in eine Rolle hineinzuwachsen, die andere längst vorbereitet haben.

Warum gewinnt dieser Comic einen ICOM-Preis? Weil Ayşe Kling Unterhaltung, psychologische Präzision und erzählerische Eigenständigkeit in eine Form bringt, die sofort zündet. Weil hier Kinder mit ihrer Angst, ihrer Scham, ihrer Härte und ihrer Sehnsucht ernst genommen werden. Weil die Fantastik das Buch auflädt, zuspitzt und vertieft. Weil dieser Comic Witz, Druck und Wärme in selten guter Balance hält.

"Der Zahn" besitzt Tempo, Charme, Humor und Widerhaken. Jede Station verschiebt die Lage: Das Gruselkabinett macht aus Angst eine öffentliche Angelegenheit. Die Halloweenparty treibt Freundschaft und Misstrauen zugleich voran. Das Haus der Familie verwandelt Herkunft in etwas Sichtbares und Drängendes. Erwachsene setzen Regeln, Kinder suchen Spielräume. Daraus entsteht eine treibende Spannung.

Besonders gelungen formt Ayşe Kling die Freundschaft zwischen Mila und Karla. Diese Verbindung entfaltet sich tastend, eigensinnig, manchmal schief, dann berührend. Zwei Wesen finden zueinander, während um sie herum Vorstellungen von Normalität, Zugehörigkeit und Herkunft Druck aufbauen. Diese Freundschaft ist das emotionale Zentrum und eine Urkraft, die standhält. Sie hält Angst aus und Unsicherheit. Sie hält auch die Zumutung aus, dass der andere sich verändert und dadurch Fragen aufwirft, die sich nicht bequem beantworten lassen.

Zeichnerisch besitzt "Der Zahn" große Präsenz. Die Linien beben, die Figuren tragen Kanten, die Gesichter reagieren mit voller Energie. Diese Bilder erzählen, treiben, überziehen, berühren. Sie verleihen dem Comic sein rhythmisches Eigenleben und geben der Geschichte jenen Zug, der Leserinnen und Leser mitnimmt, ganz gleich, ob sie zehn, siebzig oder gar alterlos sind.

"Der Zahn" erzählt vom Aufwachsen als Zustand der Verschiebung. Vom Moment, in dem aus einem körperlichen Detail eine ganze Lebensfrage wird. Von der Erfahrung, dass Vorurteile bröckeln, sobald ein Mensch vom Bild zur Begegnung wird.

Der ICOM zeichnet mit Ayşe Klinges "Der Zahn" einen Comic aus, der klug gebaut, warm erzählt und voller Leben ist. Ein Buch, das leicht an einem Fangzahn hängen bleibt. Herzlichen Glückwunsch, Ayşe Klinge!

Sandra Nußer

Beschreibung und weitere Abbildungen in unserem Blog

Bester Independent Comic (Sonderpreis)

Titus Ackermann

Seit 1994 ist MOGA MOBO eines der eigenwilligsten und beharrlichsten Kraftwerke der deutschsprachigen Comicszene. Aus dem kostenlosen Comicmagazin erwuchs eine prägende Plattform und souveräne Instanz, tief im Comiccollectiv verwurzelt. Über 120 Ausgaben wurden publiziert und mehr als 2.000.000 Hefte gratis verteilt. Das programmatische Motto lautet: Comics für alle! So entstand ein offener Raum für zeichnerische Eigenwilligkeit, für Reichweite und Öffentlichkeit, die dem Medium Comic aktiv erschaffen wurde.

Titus Ackermann gehört zu den markanten Wesen dieser Arbeit. Als Autor, Zeichner, Herausgeber, Lehrer, Workshopleiter und Wissenteiler, Vermittler, Kurator und kreativer Verbinder hat er dem Medium Comic Freiform und Resonanzraum gegeben. Seine Arbeiten waren bei den 100 besten Plakaten, auf der Bologna Childrens Book Fair und im Mori Museum Tokyo zu sehen. Er unterrichtet regelmäßig am AiD Berlin, gibt Workshops im In- und Ausland und kuratiert Projekte wie Ukraine Comics in Dortmund. Titus Ackermann ist damit weit mehr als ein Kunstschaffender eigener Werke. Er ist ein feinsinniger Synapsenfinder, der Bedingungen dafür schafft, dass andere sichtbar werden und eine Kulturform lebendig bleibt.

Aus dieser editorischen und künstlerischen Praxis speist sich die Wucht von "Was vom Leben übrig bleibt". In vier Bänden erzählt Ackermann die Geschichte seines Großvaters und mit ihr eine deutsche Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts mit Ausläufern in verschiedene Zeit-, Raum-, Kultur- und Denkzonen. Das Werk zeigt, wie Ideologie, Kriegserfahrung, Überlebenslogik und erstarrtes Schweigen über Generationen weiterwirken und noch dort fortbestehen, wo die historischen Umstände längst vergangen scheinen.

Der Bogen reicht vom unverschuldeten Hineingeraten in Gewalt über gebrochene Willen und Seelen bis zu jener kindlichen Star-Wars-Faszination, in der Geschichte noch einmal als Bild, Pose und innere Spannung auftaucht. So wird deutlich, wie Vergangengeglaubtes in Köpfen, Ritualen, Gegenständen und Orten weiterlebt.

Eindrucksvoll ist, wie sich die Geschichte in materiellen Hinterlassenschaften verdichtet und diese zu Ikonen des Empfindens werden. Kinderschuhe werden zum Gütebeweis, die Gitarre zum Resonanzkörper für das Scheitern von Härte. Der Schrank wird zum Resonanzraum des Schweigens, zum Hort des Verdrängten. Nähe und Abscheu, bewusste Nichtakzeptanz und tiefe Liebe stehen nebeneinander, ohne falsche Versöhnung, ohne vorschnelle Eindeutigkeit. Daraus gewinnt das Werk Wahrhaftigkeit.

Formal besitzt diese Arbeit große Sicherheit. Der halbrealistische Stil, klare Konturen und die stimmig durchdachte Farbgebung gliedern die Zeitebenen sichtbar. Die vier Hefte treten als sorgsam gestaltete Objekte auf. Die Publikation selbst wird so Teil der Gedächtnisarbeit, die sie beschreibt.

Der ICOM-Sonderpreis 2026 würdigt deshalb beides: die herausragende Publikation "Was vom Leben übrig bleibt" und das verlässliche Wirken von Moga Mobo. In beidem zeigt sich dieselbe Haltung: Konsequenz, Offenheit, Formbewusstsein und die seltene Fähigkeit, auch das Schwere mit künstlerischem Freimut zu tragen. Herzlichen Glückwunsch, Titus Ackermann und MOGA MOBO.

Sandra Nußer

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XPPen-Preis für herausragende digitale Comics
"Tinkerville Blues"
von Michael Mikolajczak und Andreas Möller
(Kult Comics)

Blues bezeichnet bekanntlich eine Musikrichtung, die um 1900 bei Afroamerikanern entstand und von Dysphorie, dem Antonym zu Euphorie, geprägt ist, also von Melancholie, Schmerz, Verlust, Leid etc. Der Begriff leitet sich von der englischen Redewendung "feeling blue" ab, was so viel wie traurig oder niedergeschlagen bedeutet. So hat sich Blues mittlerweile auch außerhalb der Musik als Bezeichnung für eine traurige, hoffnungslose, ja depressive und schwermütige Stimmung etabliert.

Insofern ist der Titel "Tinkerville Blues" absolut treffend für das Werk von Michael Mikolajczak und Andreas Möller. Es besteht aus sieben in sich abgeschlossenen Kurzgeschichten, die in den Jahren 1940, 1952, 1972 und 1973 spielen und alle irgendwie mit Tinkerville, einem hinterwäldlerischen Kaff am Arsch der US-amerikanischen Welt, zu tun haben. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass verschiedene der handelnden Figuren in mehreren Geschichten wieder auftauchen. Und jede dieser Geschichten hat in irgendeiner Form mit Tod, Verlust, Leid, Schmerz und Verzweiflung zu tun. Der reinste Blues also.

Auf seine Weise erinnert der Comic nicht von ungefähr an den Filmklassiker "Pulp Fiction", allerdings wesentlich abgründiger, dunkler und verstörender, wie man es in etwa aus einschlägigen Film-noir-Streifen kennen mag. Jedenfalls navigiert der Autor stilsicher von einer Kurzgeschichte zur nächsten, wobei jede für sich genommen gut funktioniert. Doch erst in ihrer Gesamtheit entwickeln alle Teile zusammen ein großes Ganzes, und hier reiht sich auch ein früheres Comic-Buch der beiden Künstler mit dem Titel "Die Spinne" ein, das zwischen der vierten und fünften Kurzgeschichte angesiedelt ist.

Mikolajczaks pulpige Noir-Storys, die schnörkellos mit zwischenmenschlicher Kälte, Brutalität, Menschenverachtung, Rassismus, Drogenkonsum, Grausamkeit, provinzieller Engstirnigkeit, überkommenem Patriarchat, unterdrückter Sexualität und anderen verabscheuungswürdigen und/oder bemitleidenswerten Verhaltensweisen und Charakterzügen der Krone der Schöpfung abrechnen, sind von Andreas Möller kongenial ins Bild gesetzt. Gnadenlose Klarheit beim Artwork und atmosphärische Farbgebung runden das US-amerikanische Feeling der 40er bis 70er Jahre des letzten Jahrhunderts ab. Der Comic ist ein Gaumenschmaus für Freunde guter, düsterer Thriller mit amerikanischem Flair. Davon hätte man durchaus gerne Nachschlag.

Dirk Seliger

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"Onaya  Rise of a Druidess"
von Luphialia und Mario Affenzeller
(Ecolyn & Luphalia)

Luphialia ist eine Künstlerin, deren Arbeit tief in der Auseinandersetzung mit Natur, Mythologie und emotionalen Zwischenräumen verwurzelt ist. Mit ihrem Business "Ecolyn" hat sie einen klaren Rahmen für ihre Kunst geschaffen, der ihr Nachhaltigkeitskonzept mit einer kleinen Faun-Elfe verbindet, die für einen bewussteren Umgang mit der Welt steht und daran erinnert, dass Veränderung in kleinen Schritten beginnt.

Diese Haltung prägt auch Luphialias Arbeit als freischaffende Comiczeichnerin. Abseits schneller Trends entwickelt sie eine eigenständige visuelle und erzählerische Handschrift, die auf Atmosphäre und Wirkung setzt.

Ihr Fantasycomic "Onaya: Rise of a Druidess" erzählt die Geschichte einer jungen Mondelfe, die ein Ritual durchläuft, bei dem sie sich der Natur stellen und überleben muss, um sich innerhalb der Gesellschaft, in der sie aufgewachsen ist, zu behaupten. Zwischen familiären Erwartungen, traditionellen Zwängen und einer feindlichen Umwelt entsteht ein Spannungsfeld, das sie zunehmend unter Druck setzt.

Mit Onaya greift Luphialia auf eine Figur zurück, die über Jahre hinweg gewachsen ist. Ursprünglich als Rollenspielcharakter entstanden, trägt sie eine Tiefe in sich, die sich künstlich nicht konstruieren lässt.

Luphialias Werk scheut sich nicht davor, Körper sichtbar zu machen und sie als Teil der Erzählung zu begreifen. Intimität entsteht dabei nicht isoliert, sondern ist eng mit Macht, Verunsicherung und Selbstfindung verknüpft. Dabei geht es weniger um reine Erotik als um das Spiel mit Grenzen: Wer bestimmt über Nähe? Was passiert, wenn sich Rollen verschieben? Und wie viel Kontrolle bleibt einer Figur, wenn Körper und Emotionen gleichermaßen zerrissen sind? Sinnlichkeit wird hier nicht beschönigt, sondern als etwas gezeigt, das ebenso faszinierend wie überfordernd sein kann.

Auch visuell verfolgt Onaya eine klare und konsequente Linie. Die Farbpalette bewegt sich auffällig zwischen kühlen, fast ätherischen Blau- und Grüntönen und warmen, erdigen Kontrasten. Gerade in den Winterszenen entsteht dadurch eine Spannung zwischen Kälte und Körperlichkeit: Die Umgebung wirkt hart, distanziert und lebensfeindlich, während Figuren und Blut als warme, fast fremde Elemente hervorstechen. Diese Gegensätze verstärken nicht nur die Atmosphäre, sondern unterstreichen auch die thematische Reibung zwischen Natur, Instinkt und kultureller Ordnung.

So entsteht eine Erzählung, die weniger auf schnelle Antworten setzt, sondern auf Entwicklung, Wandlung und die Suche nach einem Platz in einer Welt, die keine einfachen Wege vorgibt.

Adroth Rian

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Nominiert für den ICOM-Preis waren außerdem:
"Carrier of the Mask"
von Vinny-Vieh
(Selbstveröffentlichung)

Vinny-Viehs "Carrier of the Mask" spielt in einer dystopischen Zukunft, in der sich nach einem verheerenden Krieg eine strikte Klassengesellschaft entwickelt hat. In Shelteron im Jahr 3030 bestimmen Herkunft und Status über den Wert eines Menschen. Während privilegierte Schichten abgesichert leben, werden sogenannte "Nummern" in Arbeitslagern gehalten und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Selbst ein kurzer Ausgang muss durch zahlreiche Arbeitsstunden erkauft werden.

Im Zentrum der Erzählung steht Dion. Für einen Besuch bei seiner Freundin erarbeitet er sich einen Tag Freigang. Als er bei ihr eintrifft, findet er sie jedoch tot vor. Beim Ausheben ihres Grabes löst er eine Mine aus und verliert beide Arme und beinahe sein Leben. Doch seine Nahtoderfahrung eröffnet ihm die Vision einer mysteriösen Maske aus einem verbotenen Gebiet: ein Relikt, das seinem Träger außergewöhnliche Kräfte verleihen soll. Eine Vision, die den Ausgangspunkt für seinen weiteren Weg markiert, der von Verlust und Zerstörung geprägt ist.

Die ersten Bände von "Carrier of the Mask" zeigen eine Welt, die von klaren Gegensätzen geprägt ist: Ordnung und Chaos, Kontrolle und Ausbruch, Anpassung und Widerstand. Rohe, blutige Gewalt ist dabei fester Bestandteil des Alltags und prägt den Umgang der Figuren miteinander.

Im vierten Band wird diese Grundlage fortgeführt und visuell weiterentwickelt. Die Zeichnungen sind präziser und detailverliebter. Hintergründe und Umgebungen treten stärker in den Vordergrund, wodurch die Welt greifbarer und lebendiger wird. Die Linienführung ist feiner, die Figuren plastischer.

Das Werk entfaltet seine Wirkung vor allem über die Direktheit seiner Welt und die Konsequenz, mit der die Geschichte erzählt wird. Gerade durch diese klare, unmittelbare Herangehensweise behauptet sich "Carrier of the Mask" als eigenständige Arbeit innerhalb der aktuellen deutschen Comiclandschaft.

Adroth Rian

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"Chet Noir"
von Holger Klein
(Kult Comics)


Eine Trompete erklingt, sanft, leise, bestimmt, begleitet von einem leisen Piano, und nimmt einen mit auf einen Traumpfad des Jazz. So haben einige Chet Baker in Erinnerung oder auch in ihrer Playlist. Der Comic wurde von Holger Klein in Szene und Panels gesetzt und erzählt die Geschichte und vor allem die letzten Wochen des berühmten US-amerikanischen Jazzmusikers.

Die Geschichte beginnt mit Bakers Tod. Sturz aus einem Fenster eines Hotels. Passanten finden ihn am frühen Morgen blutüberströmt auf dem Asphalt liegen. Bemüht, Hilfe zu holen, wir schreiben das Jahr 1988, also noch keine Mobiltelefone, gelingt es irgendwie. Es folgt die Identifizierung durch seinen Manager im Leichenschauhaus. Die traurige Gewissheit obsiegt, dass es sich um Chet handelt, und man beginnt zu spekulieren, wie und warum sich das Unglück zugetragen hat.

Nun beginnt die eigentliche Erzählung über die letzten Tage des Jazzmusikers. Es startet eine Rückblende, die acht Tage zurückliegt. Sie zeigt, wie sich Chet Baker an einer Tankstelle Tabletten mit Alkohol einwirft und eine Pistole prüft, die im Handschuhfach liegt. Es folgt eine weitere Rückblende, die kurz die Herkunft der Waffe erläutert, und dann springt die Geschichte wieder zurück zur Tankstelle.

Jetzt tritt eine unbekannte Anhalterin in sein noch verbleibendes Leben und wird, so viel sei verraten, für ihn eine wichtige Rolle spielen.

In der Erzählung seines Lebens setzen sich Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammen, die bedrückend und faszinierend zugleich sind. Die Kapitel unterscheiden sich durch die jeweilige Farbgebung der Szenerie. Der Sommer 1952 ist von einem braun bestimmten Ton geprägt, grüngelb erscheint die Zeit mit der Anhalterin, rotrosa wird es, wenn er seine Verzweiflung und Wut an einem Spiegel auslässt und sich Schnittwunden zufügt.

Wir verfolgen weiter seinen Abschied von dieser Welt und können kaum wegschauen, wenn er sich wieder und wieder mit Drogen aller Art die Sinne vernebeln und die Augen vor der Wahrheit verschließen lässt.

Die Figuren sind sehr realistisch gezeichnet, und man meint, ein bekanntes Gesicht aus der Realität erkennen zu können, wie z.B. Forest Whitaker oder Charlotte Gainsbourg. Die Szenerie, wie die Tankstelle oder auch die Fahrzeuge aus der jeweiligen Epoche, kann sich sehen lassen und die Leserschaft auf eine kleine Zeitreise in die jeweilige Epoche mitnehmen.

Der Comic versetzt einen in eine düstere Stimmung, und die Musik von Chet Baker klingt auf jeder Seite durch, als ob sie Pate für die Entstehung des Werkes gestanden hätte.

Keine leichte Kost, aber sehr lesenswert. Eine spannende und tragische Doku über einen Jazzmusiker mit viel Talent, einem bewegten Leben, der Suche nach einem Platz in dieser Welt und leider einer Sucht nach Drogen.

Jens Stippkugel

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"Einstober"
von Sascha Dörp und anderen
(Selbstveröffentlichung)

2009 rief ein Mann namens Jake Parker eine Aktion ins Leben, die er Inktober nannte. Den ganzen Oktober hindurch wird Tag für Tag zu einem vorher feststehenden Thema eine neue Zeichnung angefertigt, um Zeichengewohnheiten und Tuschetechniken zu üben und zu verbessern. Mittlerweile ist der Inktober eine jährlich wiederkehrende globale Kunst-Challenge. So weit, so gut.

2025 entstand ein Comic-Werk mit dem Namen "Einstober". Die begriffliche Ähnlichkeit zum Inktober kommt dabei nicht von ungefähr. Comickünstler Sascha Dörp fand eine einzelne Zeichnung pro Tag vermutlich nicht anspruchsvoll oder erfüllend genug und machte daraus kurzerhand einen täglichen Onepager. Daher auch der innovative Titel des Werks: eine Comicseite statt einer bloßen Zeichnung täglich, also Einstober. Wie auch sonst? Als Autoren fungierten etliche Freunde des Künstlers. Da aber die Zahl der Freunde die Anzahl der Oktobertage übertrifft, gibt es ganze 36 Onepager. Manchmal gedeiht der Inktober wohl auch zum Growvember.

Die einzelnen Comics orientieren sich nicht an den vorgegebenen Themen des Inktober 2025. Sie entführen vielmehr in die unterschiedlichsten Welten, beispielsweise in den Wilden Westen, in die unendlichen Weiten des Weltraums, ins Elfenland oder in eine Mischung aus ihnen allen. Die Abwechslung macht einen Teil des Reizes dieses Werks aus. Rein inhaltlich begegnen wir Figuren und Settings, die oft erstaunlich bekannt erscheinen. Sitzen da nicht Bud Spencer und Terence Hill im Saloon? Prügelt sich da nicht James Bond? Feiert da etwa Frankensteins Monster mit Conan, dem Barbaren? Rennt da Barbarella mit Mars-Attacks-Frisur durch die Botanik? Und reist da nicht Sascha Dörp höchstselbst durch die Zeit, irgendwo zwischen Star Wars und Mad Max?

Seite für Seite, Schlag auf Schlag, jagt ein Aha-Erlebnis das nächste. Der Künstler arbeitet mit festem Strich und gut platzierter Schattierung, mit einem kreativen und sicheren Einsatz von Hell und Dunkel. Beinahe spielerisch ist Dörps Umgang mit jedem einzelnen Titelpanel. Schrift und Form passen nahtlos zum Narrativ des jeweiligen Onepagers. Am Ende des Werks werden zusätzlich noch einige der sauber geinkten Seiten koloriert gezeigt, um zu verdeutlichen, was jenseits der Tusche noch so möglich ist.

"Einstober" wurde bislang ausschließlich online, also digital, veröffentlicht, aber für die bibliophilen Freunde der Papierhaptik wäre eine gedruckte Version dieses überaus unterhaltsamen und immer wieder aufs Neue überraschenden Werks sicher lohnenswert.

Dirk Seliger

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"Ich will nicht arbeiten"
von Nele Jongeling
(Reprodukt)

"Ich will nicht arbeiten!", wie oft hat man selbst diesen Spruch geäußert und sich gefragt: Muss das alles so sein? Viele haben nach der Schule oder dem Abitur entweder studiert oder eine Ausbildung angefangen. Manche beides. "Da hat man was Eigenes", ist abgesichert und unabhängig, frei nach Loriot. Ob wir das alle so möchten, die nächsten 40 Jahre ein und demselben Beruf nachzugehen, hat man in der Schulzeit nun wirklich nicht durchdacht oder besprochen. "Ich lebe nicht, um zu arbeiten!" ist eine Diskussion, der wir uns aktuell stellen.

Was aber wäre, wenn wir den ultimativen Traumjob angeboten bekämen?

In Nele Jongelings Story "Ich will nicht arbeiten" geht es um eine kleine Gruppe von Bewerbern, die als anthropomorphe Tiere dargestellt sind und um die Stelle eines solchen Traumjobs kämpfen. Aber nicht auf die herkömmliche Weise. Sie nehmen an einem zweiwöchigen TV-Projekt teil, bei dem sie vor laufenden Kameras Herausforderungen meistern und in wiederkehrenden Interviews begründen, warum gerade sie den Traumjob verdienen. Wir sehen, wie sie als Team funktionieren, erfahren aber auch, woher sie kommen und was sie dazu gebracht hat, an der Show teilzunehmen.

Dabei sind wir nicht bloß Leser, sondern auch Zuschauer einer Challenge, die ohne Weiteres von einem bekannten Privatsender produziert werden könnte. Man kann sich wie ein Voyeur zurücklehnen und die Protagonisten "mal machen lassen". Es fehlen eigentlich nur die Werbeeinblendungen.

Die Farben sind gut gewählt, und dabei sind es nur drei: Rot, Blau und Schwarz in einem Pastellgemisch. Sie leuchten das Panel aus, ohne es zu überstrahlen. Die Darstellung der Charaktere erinnert an Corporate Illustration, was den Inhalt des Werkes unterschwellig unterstreicht, in dem es um den Erfolg in der Arbeitswelt geht und darum, wie dieser inszeniert oder für sich selbst definiert wird.

Das Gesamtdesign unterstützt die Erzählung, indem es Raum für Gespräche, Konflikte und innere Auseinandersetzungen lässt, die sich über elf Kapitel erstrecken. Man erhält zunehmend tiefere Einblicke in die Leben der einzelnen Charaktere  unabhängig davon, ob sie vor oder hinter der Kamera stehen: ob Bewerber oder Teil des Produktionsteams. Auch das Zusammenspiel im Team, das dem einen oder anderen sehr schwerfällt, wird in aller Offenheit dargestellt und lässt einen schon mal im Lesefluss innehalten.

Wir fiebern also die ganze Zeit mit den Figuren mit und haben schnell jemanden, dem wir besonders die Daumen drücken. Am Ende gibt es, so viel sei verraten, einen Gewinner – aber ist es auch der eigene Favorit?

Für mich ist die Geschichte gut und spannend zu lesen und regt zur Diskussion an. Die Schicksale der Bewerber stimmen einen nachdenklich. Wer schon einmal auf Arbeitssuche war oder in einer Tätigkeit feststeckte, die so gar nicht gepasst hat, sehnt sich nach dem perfekten Job – nach einem, der uns mit Freude ins Bett gehen und am Morgen mit einem Strahlen erwachen lässt.

Nele Jongelings Werk unterhält, verschiebt aber zugleich den Blick auf das, was wir Arbeit nennen, indem es das Thema aus vielen unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Gerade deshalb ist "Ich will nicht arbeiten" so lesenswert.

Jens Strippkugel

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"Rukelie, der Ausnahmeboxer 
Ein Sinto im NS-Staat"
von Gischbl
(Kult Comics)

Wer mit dem Namen Rukelie nichts anzufangen weiß, wird bei der Lektüre von "Rukelie, der Ausnahmeboxer" seinen Horizont erweitern. Das Werk behandelt das Leben und die Nachwirkung eines im Dritten Reich sogenannten "Zigeuner-Boxers", genauer und korrekter gesagt: des Sinto und deutschen Boxmeisters im Halbschwergewicht von 1933, Johann Wilhelm Trollmann, genannt Rukelie, was in der Sprache der Sinti einen großen, biegsamen Baum bezeichnet.

Der Leser lernt den tatsächlichen Ausnahmeboxer als achtjährigen Jungen kennen, der als Teil einer Sinti-Großfamilie in Hannover seine Liebe zum damals noch verbotenen Boxsport entdeckt. Sein Weg führt den jungen Mann innerhalb von noch nicht einmal zwei Jahrzehnten an die Spitze der deutschen Halbschwergewichtselite. Leider kollidierte zu diesem Zeitpunkt seine ethnische Herkunft mit der politischen Lage in Deutschland, sprich: Ein als minderwertig diffamierter Sinto passte nicht in die Rassendoktrinen der herrschenden Herrenrasse. Rukelie hat seinen Meistertitel darum auch gerade mal eine Woche inne, bevor er ihm wieder aberkannt wird. Dieser Umstand markiert endgültig die Wende in Rukelies Leben, das danach einen tragischen Leidensweg einschlägt, der leider, wie damals fast immer, mit einem gewaltsamen Tod endet.

Doch Autor und Künstler Gerhard Mauch, der unter dem Pseudonym Gischbl arbeitet, erzählt nicht nur die Lebensgeschichte von Johann Trollmann, er gönnt sich auch viele Hinweise auf die Zeitgeschichte und sie prägende Personen, die immer wieder in die Handlung einfließen, ohne in irgendeiner Weise aufgesetzt oder störend zu wirken. Im Gegenteil: Diese Querverweise sind unabdingbar für das Erschließen vieler Hintergründe und für das Verständnis historischer Zusammenhänge.

Das Werk endet nicht mit Rukelies Tod. Der Künstler und Autor in Personalunion erzählt auch vom Umgang mit Trollmanns Vermächtnis, von den Schwierigkeiten, die manch einer auch lange nach der NS-Zeit noch mit ihm und seiner ethnischen Herkunft zu haben scheint, sowie von seiner späten Würdigung, die gefühlt erst vor Kurzem in Gang kam.

Mauch arbeitet hauptsächlich als Cartoonist und Porträtzeichner, und Letzteres erkennt man an seiner Figurengestaltung. Sein Strich ist geprägt von klaren Outlines und fein ziselierten Schraffuren, alles mit Bleistift. Seine grafische Erzählung ist keine bloße Biografie, sondern ein wahres und gut recherchiertes Kaleidoskop, das mit seinen unaufdringlichen Bleistiftzeichnungen ein schwarzes Kapitel in Deutschlands Geschichte am Beispiel eines nicht unbedeutenden Einzelschicksals in Szene setzt, dabei einen kompakten Bogen bis in die Gegenwart spannt und völlig ohne die erzieherisch-mahnende Holzkeule auskommt.

Dirk Seliger

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"Smiley von Hinten"
von Oliver Ottitsch
(Alibri Verlag)

Oliver Ottitsch, 1983 in Graz geboren, gehört zu den markanten Stimmen der deutschsprachigen Cartoon-Szene. Seine Arbeiten finden sich unter anderem in Stern, Spiegel, Titanic, Eulenspiegel und Schweizer Monat. Ottitsch glänzt mit seinem schwarzen Humor. Seine bitterbösen Pointen, wie auf bullsmedia so schön beschrieben, detonieren "wie gebastelte Bomben blitzartig im Hirn". Seine Cartoons drehen sich dabei immer wieder um existenzielle Themen: Tod, Sexualität, Religion  aber auch um andere alltägliche Absurditäten.

"Alles, was mit Scham, Anspannung und Tabu bereits aufgeladen ist, wartet geradezu darauf, mit einem Witz zum Platzen gebracht zu werden.", so seine Worte.

Humor ist für ihn kein dekoratives Element, sondern Werkzeug und Schutzmechanismus zugleich  etwas, mit dem man sich gegen die volle Härte der Wirklichkeit wappnen kann. Dazu passt auch seine eigene, lakonische Begründung, warum er Cartoonist wurde: "Aus Verzweiflung, ansonsten an der Arbeitswelt der Erwachsenen teilnehmen zu müssen."

Mit "Smiley von hinten" legt Ottitsch eine umfassende Werkschau vor, die 2025 im Alibri Verlag erschienen ist. Der Band versammelt nicht nur Cartoons, sondern auch Skizzen, Notizen und autobiografische Einblicke. Damit werden für den Leser auch seine Denkprozesse sichtbar.

Inhaltlich tritt "Smiley von hinten" in jedes nur erdenkliche Fettnäpfchen. Ottitsch lässt nichts und niemanden aus: zeigt auf den Otto Normalverbraucher, Politik, Kultur und Weltreligionen – und sprengt moralische Komfortzonen. Denn für ihn ist alles heilig und gleichzeitig lächerlich.

Ob seine Art, dem Leben (und dem Tod) ins Gesicht zu lachen, wirklich Früchte bringt, zeigt sich nicht nur anhand des einen oder anderen Preises, mit dem seine Arbeit ausgezeichnet wurde. Es zeigt sich auch beim Lesen. Manche Cartoons zünden sofort, andere brauchen einen Moment – oder sogar länger. Sie sitzen dann aber umso besser.

Genau darin liegt die Stärke von Ottitsch: kein Kuschelkurs, keine Streicheleinheiten, sondern Ohrfeigen. Mit Schmackes.

So muss Satire.

Adroth Rian

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"Der Weg nach Hause"
von Kolja
(Weissblech Verlag, abgedruckt in HORRORCOMICS)

Schon der Titel "Der Weg nach Hause" lässt mich mit gemischten Gefühlen aufhorchen. Einige Geschichten, die von der Rückkehr handeln, sind herzerwärmend. Es können aber auch Wut, Trauer, Hilflosigkeit und nackte Angst die Szenerie beherrschen.

Die Erzählung ist nicht besonders lang, aber sie beinhaltet so viel, dass sie einen mit Gänsehaut zurücklässt und im Gedächtnis bleibt. Sie handelt von einer Frau, die ihr Leben in Rückblenden schildert. Ort und Zeit bleiben unklar, dennoch lassen sich ab Seite 3 Rückschlüsse ziehen.

Jede Seite zeigt einen bestimmten Lebensabschnitt, beginnend mit einer Erinnerung an das Fußballspielen auf dem Bolzplatz nach der Schule. Fröhlich und unbeschwert sind die Bilder, die von einer perfekten Zeit berichten. Es folgen die Pubertät, die Berufsschulzeit, das Kennenlernen ihres zukünftigen Mannes, das daraus resultierende Familienleben mit Kindern, der Alltagsstress und die daraus hervorgehenden Eheprobleme.

"Der Weg nach Hause" liest sich wie eine Hommage an das Leben, mit all seinen Schönheiten, aber auch mit den Grausamkeiten, die man als gegeben hinnimmt, ohne sich ihrer zu erwehren. Die Stimmung wird ab Seite 5 trüber. Die Farben werden dunkler, und alles spitzt sich unweigerlich auf das Finale zu.

Was am Ende bleibt, ist ein Zeitraffer, der trotz seiner extremen Verdichtung klar nachvollziehbar und eindrücklich ist.

Natürlich hätte man das sieben Seiten umfassende Werk weitaus größer machen, mit vielen Panels erweitern und den einzelnen Charakteren mehr Raum geben können. Aber vielleicht sehnt man sich ab und an nach nur wenigen, klaren Worten und Bildern und nimmt dennoch, wie in dem vorliegenden Kurzcomic, ein ganzes Leben in sich auf. Wo wir manchmal mehrere Jahrzehnte an unseren eigenen Geschichten basteln, genügen hier wenige Seiten, um alles zu erzählen.

Kolja Senteur ist ein deutscher Künstler und der Autor von "Der Weg nach Hause". Er arbeitet als Illustrator und Lehrer für Malerei und zeichnet seit 2008 unter anderem für das Magazin Horrorschocker, in dem auch die beschriebene Geschichte zu finden ist. Eine Geschichte, die in ihrer Kürze eine Wirkung entfaltet, die weit über ihre Seitenzahl hinausgeht.

Jens Stippkugel

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"ZEBRA"
von Rudolph Perez, Bill GoGer, Werner Berres u.a.
(Selbstveröffentlichung)

ZEBRA wird hier als publizistische Gesamtleistung nominiert. Das Ferienheft, der Index zu DER SPRECHBLASE 240250 und der Newsletter #50 zeigen in seltener Geschlossenheit, was unabhängige Comic-Arbeit vermag, wenn sie mit Ausdauer, Genauigkeit und echter Hingabe betrieben wird.

Zu dieser Geschichte gehören auch die Anfänge von ZEBRA und die Menschen, die das Projekt aufgebaut haben. ZEBRA ist eng mit seinen Gründern Geier und Rainer Schneider verbunden. Ihre Arbeit hat das Projekt über viele Jahre geprägt. Diese Herkunft ist in den aktuellen Veröffentlichungen noch immer spürbar. Sie erklärt, warum ZEBRA bis heute Spielfreude, Genauigkeit und editorische Beharrlichkeit miteinander verbindet.

Das Ferienheft bringt Witz, Ideenlust und eine unverstellte Freude am Medium mit. Der Index steht für Übersicht, Sorgfalt und die Bereitschaft, redaktionelle Arbeit nachvollziehbar zu machen. Der Newsletter hält Verbindung, Kontext und Kontinuität lebendig.

Im Zusammenspiel dieser drei Formate tritt die besondere Qualität von ZEBRA klar hervor: Aus einzelnen Veröffentlichungen entsteht eine verlässliche, kenntnisreiche und kontinuierliche Arbeit am Medium.

Besonders der Sprechblase-Index 2 verdient Aufmerksamkeit. Er erschließt jene Ausgaben, die unter Gerhard Förster entstanden sind. Förster übernahm Die Sprechblase 2008 und betreute das traditionsreiche Magazin bis zur Jubiläumsausgabe #250, die 2025 erschien. Sein Rückzug markiert das Ende einer langen redaktionellen Phase, die für viele Leserinnen und Leser prägend war. Dass das Titelmotiv ihn in Lucky-Luke-Pose in den Ruhestand reiten lässt, verleiht diesem Abschied Charme und eine schöne Selbstverständlichkeit. Der Index hält diese Jahre nicht nur fest, er macht sie benutzbar. Er ordnet, erschließt und bewahrt ein Stück Comicgeschichte.

ZEBRA arbeitet mit bemerkenswerter Genauigkeit und Ausdauer. Das Ferienheft lebt von Humor und redaktionellem Gespür, der Index ist konzentrierte Ordnungsarbeit und kulturhistorische Sicherung, der Newsletter hält die Szene im Gespräch.

Zusammen entsteht daraus eine Haltung zum Medium: aufmerksam, kenntnisreich und von beständiger Neugier getragen. ZEBRA sammelt, ordnet und bewahrt. Es hält Wissen verfügbar, macht Entwicklungen lesbar und gibt der unabhängigen Comic-Kultur Dauer und Form.

Als Nominierung in der ICOM-Preis-Kategorie Sonderpreis überzeugt ZEBRA durch die Summe einer kontinuierlichen editorischen und dokumentarischen Arbeit, die dem Medium dient und der Szene Substanz gibt.

Sandra Nußer

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Die Jury

Die vierköpfige Jury besteht aus dem Comic-Autor und -Zeichner Dirk Seliger (u.a. "Luzian Engelhardt", "Gambert"), der Zeichnerin Adroth Rian, Sandra Nußer (Creative Director) und Jens Stippkugel (Comic- und Cartoonzeichner).
20 Jahre ICOM Independent Comic Preis
Aus Anlass des 20jährigen Jubiläums des Independent-Preises druckte der ICOM 2014 dieses Poster mit allen bis zu diesem Zeitpunkt gekürten Preisträgern. Ein höherauflösendes PDF findet man, wenn man auf die obige Abbildung klickt.