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ICOM Independent Comic Preis
Die Gewinner des ICOM Independent Comic Preises 2021
Bester Independent Comic (Selbstveröffentlichung)

"Kein Vatertag"
von Sascha Dörp
(Comiccabin)

Malte beginnt seine Heldenreise in einem emotionalen Tief. Und wie das so ist mit emotionalen Tiefs, begibt Mann sich im Akutfall an den heimeligsten Ort und zerfließt im Glase der sinnierenden Trübsal, bis die wärmende Umarmung eines wahren Freundes den Schmerz verwandelt. In Maltes Fall sind das Jägerstübchen, viele schlüsselanhängergroße Biere und "Schloto". Malte berichtet von seinen schlimmen Befürchtungen, seine Beziehung zu Kerstin betreffend, doch die rauchende Charlotte schickt ihn ganz gelassen mit dem ultimativen Geheimnis aller Frauen auf einen optimistischen Weg. Etwas unsicher, doch gestärkt und voller Eifer lässt sich Malte darauf ein, mit Kerstin eine Familie zu gründen. Als der Weg dorthin statt zur "Stairway to Heaven" zum "Highway to Hell" mutiert, zeigt sich das wahre Wunder, das darin schlummert, als Mensch "erwachsen" zu werden. Als Paar wachsen die beiden aneinander und überwinden alle Hürden mit Mut, Ausdauer, Respekt und viel Humor, der selbst den Einsatz eines illustren Spandex-Anzugs nicht scheut. Malte weiß nun, dass er genau da steht, wo das Universum ihn haben wollte.

Sascha Dörp hat sein Werk "Kein Vatertag" in 365 Panels im Jahre 2020 gezeichnet, jeden Tag eines. Die Geschichte lebt durch ihre sympathischen Charaktere, die emotionalen Momente und den erfrischenden Humor. In der stimmigen Wort-Bild-Verbindung finden Mann und Frau sich in empathischer Weise enträtselt. "Außen schön und innen schlau", kann man "Kein Vatertag" als Handreichung betrachten, als Memo für was es heißt, zu sich selbst zu finden, zu Eltern zu werden und Freund zu sein, was auch kommen mag. Viele einzelne Striche können auch den roten Faden des Lebens bedeuten, wenn man den Mut und die Geduld hat, sie zusammenzusetzen. Eines Tages wird Malte in zwei große Augen blicken und sagen "ich bin dein Vater" und Kerstin wird sich ein Kichern nicht verkneifen können und anmerken "und mein Held".

Sandra Nußer

Beschreibung und weitere Abbildungen in unserem Blog

Bester Independent Comic (Verlagsveröffentlichung)

"Vasja, dein Opa"
von Anna Rakhmanko und Mikkel Sommer
(Rotopol)

Die schnörkellosen Zeichnungen mit ihren einfachen Schraffuren und der eindringlichen Farbbeschränkung setzen eine Geschichte ins Bild, die auf den ersten Blick eine bloße Biografie zu versprechen scheint. Doch weit gefehlt. Der titelgebende Opa Vasja fungiert eher als Erzählanlass für weit Größeres, nämlich das Schicksal tausender Menschen aus der Bukowina, dem Buchenland, jener Region, in der wie in Bessarabien Mittel-, Ost- und Südosteuropa miteinander verschmelzen und die seit Ewigkeiten ein Spielball der verschiedensten Mächte ist. So lebt auch Vasjas Familie in Rumänien zur falschen Zeit am falschen Ort. 1940 hat die Sowjetunion ihre Heimat annektiert und deportiert zu Beginn von Hitlers Operation Barbarossa 1941 Vater, Mutter und die vier Kinder als Volksverräter und Konterrevolutionäre ins hinterste Sibirien, wie alle Nicht-Russen, derer sie habhaft werden können.

Der lange Weg ans Ende der Welt voller Angst, Hunger, Krankheit, Verzweiflung und Tod, die unmenschlichen Lebensbedingungen am Ziel der Reise, die Verluste, die Rückschläge, die Erkenntnis der Entwurzelung  all das wird, passend zur Bildebene, in einer einfachen, klaren Sprache erzählt. Da gibt es nicht ein Wort zu viel. Besonders bemerkenswert ist jedoch nicht nur die Kargheit des Textkorpus, sondern auch die sachliche, geradezu nüchterne Art der sprachlichen Darstellung, die weder Gefühlsduselei noch Hetztiraden, weder Verbrämung noch Hassgefühlen Raum gibt. Die gesichtslosen Vertreter der Obrigkeit werden genau so verbildlicht, aber nicht verurteilt. Den aufgesetzten pädagogischen Zeigefinger und das mahnende Damoklesschwert der alles überschattenden Vergangenheit, das Arbeiten mit ähnlich geschichtlichem Inhalt häufiger innewohnt, sucht man vergebens. Für eine Wertung ist der Leser hübsch selbst zuständig. Und wer sich davor scheut oder nicht in der Lage ist, sich auf das Werk von Anne Rakhmanko und Mikkel Sommer emotional einzulassen und die metaphorische Tiefe zu erkennen, der lernt wenigstens noch etwas über ein leider viel zu unbekanntes Kapitel der jüngeren europäischen Geschichte.

All das bewog die Jury, "Vasja, dein Opa" einstimmig mit dem ICOM Independent Comic-Preis 2021 für die beste Verlagspublikation auszuzeichnen.

Dirk Seliger

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Bester Independent Comic (Sonderpreis)

"Handbuch polnische Comickulturen nach 1989"
Herausgegeben von Kalina Kupczynska und Renata Makarska
(Christian A. Bachmann Verlag)

In nichts war sich die Jury so schnell einig wie darin, diesem Buch den Sonderpreis zuzuerkennen. Polnische Graphik – da fällt uns ein: handwerklich exzellent, stilbildend, raffiniert experimentell, vom Filmplakat über Plattencover bis zum Solidarnosc-Schriftzug. Das gilt für Gebrauchs-, Buch-, aber erst recht für graphische Erzählkunst. Die gab es schon vor und in der Volksrepublik: als Werkzeug der Propaganda und oppositionelle Gegenwehr, in Heftreihen, Satireblättern, Pfadfinder- und Jazzmagazinen, als Underground des "Dritten Umlaufs" und Exportartikel in- und außerhalb des Ostblocks. Berühmt wurde das Trio "Tytus, Romek und A'Tomek" des Warschauer-Aufstands-Teilnehmers Henryk Jerzy Chmielewski (1923–2021). 1989 setzte der Wegfall der Zensur, der Zusammenbruch des staatlichen Buchmarkts und die plötzliche Verfügbarkeit internationaler, vor allem US-amerikanischer Comics eine Zäsur, hinter der die Jetztzeit beginnt. Ein Beispiel: Das Erscheinen von Art Spiegelmans "Maus" in polnischer Übersetzung (2001) löste Skandale und den noch immer anhaltenden Boom historischer Comics über die Shoah und den Zweiten Weltkrieg aus; eine polnische Entsprechung war z. B. "Achtung Zelig! Druga Wojna", eine mit Dokumentation und Phantastik jonglierende bitter-groteske NS-Fluchtgeschichte. In (teils regionalhistorischen) Geschichts-Comics artikuliert sich die fortschwelende Kontroverse um die Aufarbeitung der Diktatur, der Ära des Kriegsrechts und der Gründung der dritten polnischen Republik, die der Band ebenso dokumentiert wie polnische Superhelden ("Likwidator"), Literaturadaptionen ("Quo Vadis"), Tiergeschichten, Kinder- und Jugendcomics, weltanschauliche Auftragsarbeiten und politische Kritik, Innovationen bei Gattungen, Formaten und Fanzines, das Ausloten alter und neuer Tabubereiche, die Funktion der Cartoons und Webcomics, der Festivals und Bibliotheken. Eine besondere Rolle spielt der polnische Frauencomic, dem 2012 von der Soziologin Kinga Kuczynska eine eigene Untersuchung gewidmet wurde. Den theoretischen Überlegungen zu den wichtigsten Sachgebieten (wie das Regionale und das Urbane im Comic) folgen Einzelanalysen repräsentativer Werke. Im Anhang werden 70 Zeichnerinnen und Zeichner mit Porträts, Lebensdaten und Werkübersicht vorgestellt. Nicht wenige leben und arbeiten grenzgängerisch, thematisieren polnische Arbeitsmigration wie Agata Wawryniuk in einer Graphic Novel, haben in europäischen Comicverlagen gezeichnet, leben im Ausland oder bilden internationale Teams. So verdankt sich "Marzi", der bedeutendste, in sieben Sprachen übersetzte autobiographische Comic einem französisch-polnischen Autorenduo. Kurz: dieses von 26 Beiträger/-innen kompilierte und vorzüglich übersetzte, gediegene, für Profis, Sammler und Comicfans unverzichtbare Handbuch wäre für alle Länder zu wünschen – was hier nicht drinsteht über zeitgenössische polnische Comics, lohnt kaum zu wissen!

Nikolaus Gatter

Beschreibung und weitere Abbildungen in unserem Blog

Nominiert für den ICOM-Preis waren außerdem:
"COMIXENE 136"
Herausgegeben von René Lehner
(Rätselfactory Lehner)

Vor bald einem halben Jahrhundert gegründet, nach mehreren Verlagswechseln und Wiederbelebungen insgesamt rund drei Jahrzehnte auf dem Markt und still alive? Damit hätte die COMIXENE, das Fachmagazin Comic + Cartoon an sich schon einen Sonderpreis verdient. Seit 2015 grüßt Herausgeber und Mitgründer René Lehner im Editorial und führt uns mit Hut und Hand an der Brille durch sein Reich: ein üppiges und reich illustriertes Angebot rund um die Neunte Kunst. Da finden sich Interviews, Meldungen, Anekdoten, Rezensionen, Terminvorschau, Raritäten- und Kuriositätenrubriken und ein Quiz. Hinzu kommen genretheoretische und -geschichtliche Aufsätze, Vorstellungen von Sammlungen, Archiven und Museen, Zielgruppen- und Marktanalysen, Werkstattberichte, Jubiläums- oder Geburtstagsartikel und Nachrufe, alles vorwiegend mit Interesse für ein fachlich interessiertes, selbst in der einen oder anderen Weise professionell beteiligtes Publikum  aber auch für diejenigen, die Bildergeschichten einfach nur goutieren und dennoch mehr über die Hintergründe wissen wollen. Kurz, wer über aktuelle Entwicklungen des Comics im deutschsprachigen Raum orientiert sein will, kommt nicht an der COMIXENE vorbei.

Nikolaus Gatter

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"Kommissar Eisele und sein Henker"
von Martin Frei
(Gringo Comics)

Dass Stuttgart, der alte Stutengarten und die heutige Landeshauptstadt von Baden-Württemberg, weit mehr zu bieten hat als den VfB und Mercedes, zeigt dieser Krimi von Martin Frei. Während Kommissar Eisele noch immer seiner vor Jahren tödlich verunfallten Frau nachtrauert und mit massiven altersbedingten Konditionsproblemen zu kämpfen hat, holt ihn ein alter Fall aus der Vergangenheit ein. Zum Glück ist er nicht auf den Kopf gefallen und hat eine junge, keineswegs weniger clevere Kollegin an seiner Seite.

Die Krimihandlung entwickelt sich flott und spannend, ohne auf ein gehöriges Maß an Humor und Lokalkolorit zu verzichten. Das Ganze ist absolut erstklassig grafisch umgesetzt, und so ganz nebenbei erhält man völlig unaufdringlich und gewissermaßen folgerichtig die eine oder andere Lehrstunde in Stuttgarter Stadtgeschichte.

Dirk Seliger

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"Menschen am Fluss"
Comic-Tagebuch von Christian Schmiedbauer
(Wettbewerbseinreichung bei Literaturportal Bayern: "Kultur trotz Corona")


Lagerfeuer & Biertrinken an der Donau – das mag er, schon immer. Führt doch die Lebensader Europas auch an seiner niederbayrischen Heimat vorbei. Die Graphic Novel "Menschen am Fluss" ist ein Reisetagebuch voller Charakter. Was sind das für Leute, die auf und am "schwarzen Fluss" leben? Welche Spuren hinterlassen sie, was bewegt sie und warum? Mit offenen Augen, wachem Geist und lockerem Strich werden Geschichten einer Donaureise sichtbar und die Menschen dahinter. Ganz reduziert in schwarzem Schwung und Donaublau findet eine Forschung statt, eine Suche nach dem Motiv, das alle verbindet und statuiert: die Liebe zum blauen Band, das im schwarzen Meer mündet. Obgleich ohne eigene Quelle wird "Danube" selbst zu dieser und zur Muse, mal still und dann wieder reißend. Als Fotoausstellung im Rahmen der Aktion "Kultur trotz Corona" vom Literaturportal Bayern gefördert und realisiert, ist nun eine wundervolle Liebeserklärung an die Heimat, die Fremde und alles dazwischen entstanden, die Freude bereitet und auch lustig ist. Reingefallen ist der Zeichner dabei nicht. Im Fluss geübt hat er bestimmt  für das Schwimmabzeichen in Gold. Das hat er jetzt nämlich auch! Herzlichen Glückwunsch, Chris!

Sandra Nußer Beschreibung und weitere Abbildungen in unserem Blog




"Mustafa und die Bumbos"
von David Weiss
(Selbstverlag)

Mit gelb überlapptem Schwarzweiß kommt dieser Comic nicht als Farbknüller daher; als Meister im Anatomiezeichnen wird man seinen Schöpfer nicht rühmen, und ästhetisches Gleichmaß allenfalls den schreibmaschinen-geletterten Spruchblasen zubilligen. Was Bumbos sind, die Blumen fressen, in den Garten kacken und Dreierbeziehungen pflegen, wird nie geklärt: Aliens? Gen-Missgeburten? Strahlenopfer? Was immer, die Freak-Geschichte eines happy Arbeitslosen, der vom Jobcenter zur Verknechtung in die Fabrik des Bösen geschickt wird, lässt sich anders gar nicht erzählen als in absurder Underground-Bildsprache. Mit überraschenden Wendungen, Raketenstarts, Tierkäfigbefreiung, Kung fu fighting bis zur auratisch-sonnenstrahligen, von Luftherzchen wimmelnden Schlussparty im Kleingartenidyll. Diesen Comic nirgendwo liegen lassen  wenn man ihn für sich allein haben will!

Nikolaus Gatter

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"ORT (1000%)"
von Franz Suess
(Selbstverlag: Glaskrähe)

Worauf hoffen wir? Und wann genau ist der Moment, in dem es besser wäre, aufzugeben und weiterzuziehen? In einem Wiener Café wartet ein junger Mann auf sein Date. Michael versucht nicht zum ersten Mal, seine wahre Liebe zu finden  bisher hatte er dabei aber kein Glück.

Franz Suess "Ort (1000%)" ist stimmig in Wort und Bild: Ein Kurzcomic, in dem es um Sehnsucht nach Liebe und Sex geht. Eine fesselnde Kurzlektüre, die trotz ihres überschaubaren Umfangs Mitgefühl weckt und zum Nachdenken animiert.

Adroth Rian

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"Wellenbrechaz"
von Sebastian Sommer
(Gringo Comics)

Der auf den ersten Blick eher grobschlächtige Zeichenstil von "Wellenbrechaz" bietet alles, was das wahre Freibeuterherz begehrt: große Schätze, dicke Knarren und epische Schlachtschiffe. Auch an heißen Bräuten mit prallen Titten und knackigen Ärschen mangelt es keineswegs  doch die spritzige Seemannsgeschichte ist beileibe nicht so oberflächlich, wie sie zunächst erscheint. Mit der zunehmenden Fahrt entdeckt man neue Seiten an den Charakteren und darf sich auch auf verschiedene Twist in der Story freuen.

Außergewöhnlich an "Wellenbrechaz" ist auch die Verwendung der Sprache, an die man sich als Leser zwar gewöhnen muss, die man aber nach kürzester Zeit zu lieben lernt. Der Autor und Zeichner nimmt kein Blatt vor den Mund: Der Comic ist gespickt mit unterhaltsamen Reimen, derbem Humor und unerhörten Schimpfworten.

Worauf wartet ihr also, ihr Räuber und Abenteurer? Setzt die Segel und auf gehts auf die Suche nach Rum und Ehre!  Und nein, ihr Holzköppe. Wer guten Rum saufen kann, braucht für den Ruhm nicht zu sorgen! Adroth Rian

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"Yellowstone"
von Philipp Spreckels und Dave Scheffel-Runte
(Zwerchfell Verlag)

2042, Amerika. Zehn Jahre nach dem Ausbruch des Yellowstone-Supervulkans, der einige gesellschaftliche Umbrüche mit sich brachte, gelangt Noah per Zufall an eine Disk mit Geheiminformationen, die das Schicksal der USA verändern könnten.

"Yellowstone" von Spreckels und Scheffel-Runte besticht durch eine mitreißende Story, überzeugende Charaktere, ein harmonisches Charakterdesign und eine auf den Punkt gebrachte Farbpalette. Ein spannendes und gesellschaftskritisches Werk, welches zu lesen sich lohnt.

Adroth Rian

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Die Jury

Die vierköpfige Jury besteht aus dem Comic-Autor und -Zeichner Dirk Seliger (u.a. "Luzian Engelhardt", "Gambert"), der Zeichnerin Adroth Rian, Sandra Nußer (Creative Director) und Nikolaus Gatter (Schriftsteller, Übersetzer, Publizist, Germanist, Musikkritiker und Liedermacher).

20 Jahre ICOM Independent Comic Preis
Aus Anlaß des 20jährigen Jubiläums des Independent-Preises druckte der ICOM 2014 dieses Poster mit allen Preisträgern. Ein höherauflösendes PDF findet man, wenn man auf die obige Abbildung klickt.