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ICOM Independent Comic Preis
Die Gewinner des ICOM Independent Comic Preises 2016
Bester Independent Comic

"Tobisch"
von Joachim Brandenberg
(Jaja Verlag)

Literaturadaptionen in Comicform sollte man in der Regel mit großer Skepsis begegnen. Allzu oft handelt es sich da um unoriginelle Nacherzählungen, die vor allem von Name und Renommee der Vorlagen profitieren wollen. Ganz anders verhält es sich jedoch mit "Tobisch" von Joachim Brandenberg, das nach eigenen Angaben "reichlich frei" nach einer Kurzgeschichte des amerikanischen Autors O. Henry aus dem Jahr 1906 entstand und auch etwa zu dieser Zeit spielt. Ein Einwanderer- im Original ein irischer Bauer, im Comic ein bayerischer Metzgerssohn- ist in New York auf der Suche nach seiner Verlobten, die ihm nach Amerika nachfolgen wollte, von der nun aber jede Spur fehlt. Der englischen Sprache nicht mächtig, stolpert Tobisch durch eine Odyssee, die ihn zum Vergnügungspark Coney Island, in die Fluten des East River und durch die halbe Stadt führt.

Brandenberg zeichnet seine Hauptfigur dabei als liebenswert naiven Tolpatsch, den man als Leser schnell ins Herz schließt. Sein Comic ist nicht nur sehr souverän erzählt, sondern vor allem auch grafisch und stilistisch herausragend: Die meisten Panels sind in einer Collagetechnik gestaltet, die sich aber nicht nach Schere und Klebstoff anfühlt, sondern wunderbar plastisch, fast dreidimensional daherkommt. Wo es die Geschichte verlangt, weicht der Künstler von diesem Stil ab und findet andere, nicht weniger effektive Darstellungsformen. Brandenbergs Artwork ist hochabwechslungsreich, ausgereift, geprägt von einer Liebe zum Detail und nicht zuletzt zur Typographie. Zur musikalischen Untermalung hat der Zeichner auch noch zeitgenössische Musikstücke gesammelt, die man online abrufen und als Begleitung laufen lassen kann. All das macht die Lektüre von Tobisch zu einem großen Vergnügen und für uns zum Besten Independent Comic dieses Jahrgangs.

Thomas Kögel
"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Liebe schaut weg" von Line Hoven

Charly-Eiselt-Preis für die beste Publikation eines Newcomers (erstes Album oder Buch)

"Nomaden"
von Jan Vismann
(Jaja Verlag)

Das sogenannte Tunguska-Ereignis, bei dem aus bisher nicht zweifelsfrei aufgeklärten Gründen Explosionen begleitet von enormen Hitzeentwicklungen stattfanden, gibt bis heute Wissenschaftler_innen Rätsel auf, bietet Verschwörungstheoretiker_innen Spielraum und hat schon Stanis?av Lem, die Strugazki-Brüder und Wolfgang Hohlbein zu Science-Fiction inspiriert. Jan Vismanns "Nomaden" boxen sich im wahrsten Sinne des Wortes durch ein "Was wäre wenn..."-Universum, das an die außerwissenschaftlichen Erklärungsversuche diese Explosions-Phänomens angelehnt ist und deren Skurrilität in seine Geschichte aufnimmt.

Debüts sind manchmal ebenso ambitioniert wie überhitzt: Während sich der Zeichenstil langsam findet, erklärt die Story auf wenigen Seiten die Welt, stellt unbeantwortbare philosophische Fragen über das Leben, das Universum und den ganzen Rest, bietet eine Handlung mit einer Personenzahl im zweistelligen Bereich bei einer komplexen, actionreichen Erzählung, die die großen Themen Liebe, Selbstbestimmung, Freiheit und Existenz behandelt.

Jan Vismann gelingt es demgegenüber, eine durchaus runde und abgeschlossene Geschichte zu erzählen, die auf mehreren Zeit- und Realitätseben spielt und menschliche sowie nicht menschliche Bedürfnisse in einer Endzeit-Welt thematisiert . Eine sehr beschwingte, humorvolle Erzählweise im Stil von "Pimo & Rex" bringt die Handlung dynamisch voran und sorgt für Lesespaß und Kurzweile. Das Tempo wird dabei vom intelligent konstruierten Panel-Rhythmus vorgegeben: Während die Kampfszenen sehr zackig sind, schafft es der Autor trotz des geringen Umfangs des Werkes Verschnaufpausen einzubauen und seine postapokalyptische Welt mit Leben zu füllen. Dabei arbeitet Vismann geschickt mit der Seitenarchitektur, lässt Split- und Makropanels entstehen und verzichtet in hektischen Szenen auch mal auf die Panelzwischenräume.

Das Artwork überzeugt durch eine besonders signifikante Figurengestaltung und eine ausgewogene Kolorierung. Neben Menschen finden auch vorwitzige Roboter, verpeilte Aliens und ein an ein Lama erinnerndes Reittier ihren Platz in der Handlung.

Die haptisch und optisch sehr ansprechende Aufmachung des Comics durch den jaja-Verlag soll an anderer Stelle noch gewürdigt werden.

Max Höllen
"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Liebe schaut weg" von Line Hoven

Bester Kurzcomic

"Libretto 1"
von Ferdinand Lutz
(Quantity Books)

Es war im Jahr 2000 da gewann der Band "Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers" von Shane Simmons den Max-und-Moritz-Preis. Es handelte sich um einen klassischen Bildungsbürgerroman in Comicform. Die Hauptfiguren waren Punkte. Die sich in abwechselnd weißen oder schwarzen Panels tummelten. Trotzdem war der Comic spannend, abwechslungsreich und vor allem witzig zu lesen.

Ähnliches gilt für "Libretto 1" von Ferdinand Lutz. Obwohl hier doch einige Unterschiede bestehen: das Heftchen von Lutz ist viel kleiner und viel dünner; die an Mitochondrien, Ribosomen oder Chromosomen erinnernden Protagonisten sind viel aufwendiger gezeichnet; sie sind bunt; sie bewohnen bunte, zellartige Gebilde; und sie sprechen Englisch.

Jedenfalls ist die kleine abstrakte Comic-Story von Ferdinand Lutz interessant zu lesen, nimmt einen mit, vermag zu berühren, ja, evoziert im Leser sogar fast eine Art schwarzweißen Fellini-Kurzfilm aus den 50er Jahren, und enthält für den aufmerksamen Beobachter in der zeichnerischen Gestaltung sogar durchaus die eine oder andere optische Finesse und Pointe.

Der Autor, steht hinten am Heft, wollte das Abstrakte mit dem Konkreten verbinden. Die Übung ist zweifellos gelungen.

Harald Havas
"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Liebe schaut weg" von Line Hoven

Herausragendes Szenario

"Die Verwerfung"
von Lukas Kummer
(Zwerchfell Verlag)

Der Comic ist längst auch ein probates, wirksames Erzählmedium, um auf politische Missstände und das Grauen des Krieges aufmerksam zu machen. Auch der 1988 geborene Künstler Lukas Kummer (u. a. "Inspektor Bunsenbrenner") legt mit "Die Verwerfung" eine Kriegsgeschichte vor, doch sein Schauplatz ist kein aktueller, sondern im 17. Jahrhundert angesiedelt: Die tragische Erzählung vom Schicksal der Geschwister Johanna und Jakob Krainer spielt zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs – und illustriert einen bitteren Kampf ums Überleben in den Wirren des Winters 1646. In der pointiert erzählten Story schickt Kummer den Leser mit den Geschwistern auf eine beklemmende Reise ins Ungewisse. Johanna will sich – als Junge verkleidet – in den Dienst eines Heeres stellen und hat dabei den kleinen Bruder im Schlepptau, der für sie Fluch und Segen zugleich ist. Jenseits der großen Schlachtfelder und doch mitten im Kriegsgeschehen zeigt der Autor anhand der jungen Protagonisten und der menschlichen Schatten, denen sie begegnen, die Verrohung im ständigen Angesicht von ungebremster Gewalt und Grausamkeit. Dass der Leidensweg der Protagonisten und ihre Beziehung dabei im Vordergrund stehen, macht das Kriegsdrama auch Lesern zugänglich, die sich noch nicht oder nur am Rande mit diesem düsteren Kapitel der deutschen und europäischen Geschichte befasst haben. Abgerundet wird das Werk schließlich durch einen künstlerisch-reduzierten, klaren Strich, der das Geschehen leicht abstrahiert und doch ungeschönt abbildet.

Mit "Die Verwerfung" von Lukas Kummer ist 2015 ein besonderer, historischer Antikriegscomic im Zwerchfell Verlag erschienen, der auf den ersten Blick weit in der Vergangenheit angesiedelt sein mag, aber im Kern in seiner unverklärten Darstellung des alltäglichen Leids in Kriegsgebieten zeitlos und brandaktuell ist. Den fesselnd, nüchtern und schonungslos erzählten Überlebenskampf der Krainer-Geschwister zeichnen wir als Herausragendes Szenario aus..

Anne Delseit
"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Liebe schaut weg" von Line Hoven

Herausragendes Artwork

"Waldgeflüster"
von Lisa Rau

In "Waldgeflüster" erzählt die Künstlerin Lisa Rau eine kurzweilige, märchenhafte Geschichte über das Mädchen Anouk, das allein mit ihrem sprechenden Fuchsgeist Tam in einem Wald lebt. In dem im Selbstverlag erschienenen Werk erkundet der Leser, wie es dazu kam, dass sich Anouk und Tam begegneten und wird Zeuge, wie sich das Mädchen schließlich dem Dämon ihrer Vergangenheit stellt. Dabei zeigt das bemerkenswerte Artwork beispielhaft, wie vom Manga beeinflusste Künstlerinnen ihre eigenen stilistischen Wege gehen können, ohne sich von ihren Wurzeln abzuwenden: Während Strich, Figuration und Layout deutlich vom Manga inspiriert sind, hält Rau die Linien in dem 26-seitigen Comic wunderbar skizzenhaft, statt sie akribisch auszuarbeiten und zu tuschen. Zudem ergänzt die Künstlerin die Zeichnungen mit einer ebenso freien, luftigen Aquarellkolorierung, bei der sie überwiegend Grau- und Grüntöne verwendet. Trotz der eingeschränkten Farbpalette leuchten die Seiten beeindruckend kontrastreich und ergeben ein verspieltes, einnehmendes Gesamtbild, das die Story mit einer zauberhaften Atmosphäre lebendig werden lässt und somit ein wesentlicher Teil des Werks ist.

Lisa Rau, die im Internet auch unter dem Pseudonym Livanya zu finden ist, steuerte unter anderem bereits Beiträge zu diversen Anthologien des Verlags Schwarzer Turm bei, darunter "Der Froschkönig" in "Es war keinmal". Ihren aktuellen Comic "Waldgeflüster" publizierte sie 2015 zur Leipziger Buchmesse in Eigenregie als insgesamt 36-seitiges Heft und druckte bereits eine zweite Auflage. Die Jury zeichnet "Waldgeflüster" für seine kreative Gestaltung und als wichtiges Brückenwerk zwischen westlichen und östlichen Comiceinflüssen mit dem diesjährigen Preis für ein Herausragendes Artwork aus.

Anne Delseit
"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Liebe schaut weg" von Line Hoven

Sonderpreis der Jury für eine bemerkenswerte Comicpublikation

Jaja Verlag

Seit 2011 produziert Annette Köhn mit ihrem Jaja Verlag "feine illustrierte Machwerke" und hat in diesen fünf Jahren ein äußerst vielfältiges Programm geschaffen, in dem von kleinen Minicomics bis zum gediegenen Hardcover mit Lesebändchen fast alles möglich ist. Nicht nur Comics erscheinen dort, sondern auch allerhand andere gedruckte Dinge, aber alles hat mit Zeichenkunst und Illustration zu tun. Und auch der Grenzbereich zwischen klassischem Comic und eher lose illustrierter Geschichte wird bei Jaja bedient. Auffällig an all diesen Publikationen ist ihre ungeheure Vielfalt: Nicht nur inhaltlich ist der Jaja-Verlag eine Wundertüte, auch äußerlich legt man sich nicht auf bestimmte Formate fest, sondern findet für jedes Buch die passende Aufmachung. Gemeinsam ist allen Jaja-Produkten, dass sehr viel Wert auf Form und Gestaltung gelegt wird. Was Papier, Druck und Bindung angeht, stechen sie schon rein äußerlich aus der Menge der beim ICOM Independent Preis eingereichten Werke heraus. Seit 2013 tauchen Jaja-Comics dort regelmäßig auf, zuerst unter den Lobenden Erwähnungen, später auch bei den Preisträgern.

Verlegt werden ausschließlich Eigenproduktionen, sehr viele davon sind Erstlingswerke und stammen von jungen, talentierten Zeichnerinnen und Zeichnern. Kreativ ist Jaja auch bei der Finanzierung: Schon früh verstand es der Verlag, die Möglichkeiten des Crowdfunding im Internet für sich zu nutzen. Mit seinem bunten Programm, dem breiten Spektrum von Themen und Zeichenstilen, seiner Nachwuchsförderung und nicht zuletzt mit der herstellerischen Qualität seiner Bücher leistet der Jaja Verlag einen großartigen Beitrag zur hiesigen Comiclandschaft abseits des Mainstreams. Somit geht der "Sonderpreis der Jury für eine bemerkenswerte Comicpublikation" in diesem Jahr nicht an einen bestimmten Titel, sondern an die Gesamtheit des Verlagsprogramms und seine engagierte Verlegerin. Bitte weitermachen!

Thomas Kögel
"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Liebe schaut weg" von Line Hoven

Sonderpreis der Jury für eine besondere Leistung oder Publikation

www.dreimalalles.info

Wie bekommt ein Medium, eine Kunstform, in einer Kultur seine Würdigung und Aufmerksamkeit? Ist es die besondere künstlerische, ästhetische Qualität seines Formates? Die Zugänglichkeit für einen Massengeschmack? Oder einfach die Möglichkeit, ordentlich Kommerz damit zu machen? Wäre der erstgenannte der einzige Grund, würden wir von Reality-Soaps und Groschenromanen wohl nur wenig mitbekommen. Im zweiten Fall wären postmoderne Kunst und Lyrik keiner Erwähnung wert. Und Kommerz macht man in der Regel mit nur wenigen Kulturprodukten, gerade in Deutschland.

Ein entscheidender Faktor für die Etablierung einer Kunstform in der Gesellschaft sind Fürsprecher_innen, die von einer Sache begeistert und überzeugt sind. Indem sie Plattformen bieten und Diskussionsanreize schaffen, betreiben sie regelrechte Lobbyarbeit für ihr Herzens-Medium, sie sind Gatekeeper und Taste-makers, die etwas in unserer Gegenwart verorten. Der bekannte Soziologe Pierre Bourdieu sprach vom "kulturellen Kräftefeld", Niklas Luhmann in seiner Systemtheorie von der "Anschlussfähigkeit" einer Kunst. So ist es die Kommunikation, das ständige Diskutieren und Präsentieren des Comics in allen Institutionen und Stationen der literarischen und künstlerischen Wertschöpfungskette, die ihn mittlerweile zu einem wichtigen und anerkannten Bestandteil unseres kulturellen Lebens gemacht hat.

Einer der herausragenden Comic-Mentoren ist Christian Maiwald – insbesondere mithilfe seines Blogs dreimalalles.info, der genauso niedrigschwellig wie allumfassend nahezu täglich wichtige Informationen für Fachnerds und Neueinsteiger_innen gleichermaßen bereithält. Ob Manga, Graphic Novel, Album oder Heft, von den Produkten der Großverlage bis zum Fanzine, von Mainstream bis Independent: dreimalalles ist eine Visitenkarte für den modernen und vielseitigen deutschen Comic. Durch die Verwurzelung des Autors in der Branche einerseits und eine kulturwissenschaftliche Vorbildung andererseits findet man hier sowohl fachmännische Expertise als auch einen reflektierenden Blick auf das Medium.

Maiwald verzichtet dabei auf dünkelhafte Nobilitierungsversuche, verliert sich aber genauswenig in einem fordernden, eindimensionalen Szenejargon.

Solches Engagement sollte belohnt werden. Deswegen entscheidet sich die Jury des ICOM Independent Comic Preises dieses Jahr für die Prämierung von dreimalalles.info, repräsentiert von Christian Maiwald, durch den Sonderpreis für eine besondere Leistung oder Publikation.

Max Höllen
"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Liebe schaut weg" von Line Hoven

Lobende Erwähnungen

"Heimelig"
von Franz Suess
(Glaskrähe)

Gleich drei Comics hat Franz Suess bei der Jury eingereicht: zwei Kurzgeschichten aus JAZAM bzw. Murmel-Comics, dazu eine etwas längere aus seinem Eigenverlag Glaskrähe. Diese drei Beiträge haben viel gemeinsam: Da ist zunächst der unverkennbare, sehr eigenständige Zeichenstil, der eine gewisse Kratzbürstigkeit an sich hat, ohne dass die Bilder dadurch unverständlich oder schwer konsumierbar wären. Da sind die runden Gesichter seiner Protagonisten, die meist eher traurig blicken. Und auch die Themen der drei Geschichten ähneln sich: Stets sind es Kindheitsepisoden, alle mit einem mehr oder weniger düsteren Unterton. In "Heimelig" ist es ein vermeintlich friedliches Familienidyll, das jäh gestört wird, als dem kleinen Michael beim Spielen ein Missgeschick passiert. Wie Franz Suess hier eine unbehagliche, aber doch nicht völlig hoffnungslose Atmosphäre zu Papier bringt, ist beeindruckend. In Österreich ist Suess schon seit einigen Jahren mit seinen Comics präsent und längst kein Unbekannter mehr – im Nachbarland hat er noch den Status eines Geheimtipps. Die Qualität seiner Arbeit wird dafür sorgen, dass sich das bald ändert.

Thomas Kögel
"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Das Nichts und Gott"
von Aike Arndt
(Zwerchfell Verlag)

"Ok. AAALSO: nächste Woche ist großes Gewitter geplant. Seid ihr dabei?" "Auja!" "Klar!" "Gut. Dann schreib ich eure Namen auf. Ihr seid dann aber auch wirklich dabei?" "Jaja!" "Auf jeden." "Ok... ‚Giselle‘ ... und ‚Jürgen‘." – "Cool, dass ihr dabei seid. Freu ich mich!" "Jo!" "Wir auch." – "Tschö!" "Tschüss!" "Tschüss!" "Wie merkt der sich bloß die Namen?" "Das ist GOTT, Alter."

So läuft es nach Aike Arndts aufklärerischem und auf den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden Comic im Himmel bei der spontanen Besprechung zwischen Gott und den Wolken ab. In amüsanten Episoden erfindet er mal eben die Weltgeschichte neu und erschüttert damit Religionsvertreter_innen und vorgestrige Evolutionsforscher_innen. Dabei legt Aike Arndt eine ironische Selbsterhöhung an den Tag und schmeißt mit Referenzen auf den deutschen Comicbetrieb um sich.

"Bald ist Zukunft.", ist gegen Ende des Sequels seine gewagte und zugleich scharfsinnige Prognose. Hier werden philosophische Fragen, Kreationismus, der Umgang mit Flüchtlingen und Smartphones auf humorvolle und herrlich ehrliche Art angerissen. So bietet der Comic ein amüsantes und urkomisches Gerüst für so manch ernsthafte Überlegung. Der Zwerchfell-Verlag hat dieses zudem in eine sehr schöne Hülle gepackt.

Max Höllen
"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Union der Helden – Band 1: Der erste Tag"
von Arne Schulenberg und Jens Sundheim
(Edition Kwimbi)

Bei dem Wort "Fotocomic" dürften in den meisten Köpfen tendenziell gruselige Erinnerungen an die reißerischen, kitschig-dramatischen Foto-Love-Storys diverser Jugendmagazine wachwerden. Arne Schulenberg (Szenario, Layout, Spezialeffekte) und Jens Sundheim (Fotografie) zeigen indes mit ihrer Superheldenserie Union der Helden eindrucksvoll, dass diese Comic-Spielart sehr viel mehr Potenzial hat und durchaus ernst genommen werden kann: Mit einem guten Gespür für Kamera-Einstellungen und Paneling, sympathischen Fotomodellen sowie einer spürbaren Begeisterung für das Medium legen sie eine spannende, kurzweilige Science-Fiction-Geschichte vor, die überdies auch regional im Ruhrgebiet verortet ist. Nachdem das Projekt seit 2008 auf www.unionderhelden.de veröffentlicht wird, ist im vergangenen Jahr der erste Band mit den ersten fünf Episoden gedruckt in der Kölner Edition Kwimbi erschienen. Das Albenformat der Druckausgabe kommt dabei dem Lesefluss der Story noch einmal zugute und ermöglicht neuen Lesern einen leichten Offline-Einstieg in die Serie. Die Jury lobt Union der Helden – Band 1: Der erste Tag als einfallsreiche, mutige Comicproduktion sowie das Engagement der Autoren für den hiesigen Fotocomic.

Anne Delseit
"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Die Wurzeln der Lena Siebert"
von Raphaela Buder
(Mairisch Verlag)

Lena lebt mit ihrer Mutter allein, Papa gibt es keinen. Meistens ist es lustig mit Mama. Sie backen Kuchen, und wenn der im Ofen verbrennt, dann essen sie eben Kekse. Nur manchmal müssen sie schnell von wo weg. Aber das wird alles anders, wenn sie endlich in Amerika sind. Doch plötzlich kommen diese Leute nach Hause und nehmen Mama mit. Und Lena kommt zu einer neuen Mama. Mit Papa und Bruder. Das will Lena nicht. Sie will zu Mama. Aber eigentlich ist es bei Roswitha auch schön. Die Kuchen verbrennen nicht und in der Schule ist es auch recht nett.
Mit viel Feingefühl und Auge fürs Detail erzählt Raphaela Buder die Geschichte der kleinen Lena Siebert, die von der Fürsorge an eine Pflegefamilie gegeben wird, solange ihre Mutter im psychiatrischen Krankenhaus bleiben muss. Ein heikles Thema, das in Comicform noch nicht so oft aufgegriffen wurde. Und gerade, dass die Geschichte aus der Sicht des Kindes erzählt wird, macht diesen Band besonders. Ein gelungener Erstling, der neugierig auf mehr macht.

Harald Havas

"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Lebensfenster 2016"
Kurt-Schalker-Preis für graphisches Blogen

geht in diesem Jahr an

spinken.net von Jeff Chi

Hier das "Kurt-Schalker-Komitee", das den Preis gestiftet hat und über die Gewinner entscheidet.

Der Lebensfenster-Jubiläumspreis für das Gesamtwerk "Graphisches Blogen" geht an Lisa Neun.
"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Liebe schaut weg" von Line Hoven

"Liebe schaut weg" von Line Hoven

Die Jury

Anne M. Delseit (Hachenburg)
Harald Havas (Wien)
Max Höllein (Osburg)
Thomas Kögel (Haar)
20 Jahre ICOM Independent Comic Preis
Aus Anlaß des 20jährigen Jubiläums des Independent-Preises druckte der ICOM 2014 dieses Poster mit allen Preisträgern. Ein höherauflösendes PDF findet man, wenn man auf die obige Abbildung klickt.